
Wie die ehemalige Krankenschwester und Kosmetikerin Uta Felgner sich erst bei der Stasi und nach der Wende in der feinsten deutschen Gesellschaft beliebt machte
Es gibt Männer, die sagen, die Uta würde flattern. Sie nennen ihren Gang ein Schweben, ihre Augen ein Versprechen und ihre Beine einen endlosen Weg zur Sünde. Sogar die, die sie verraten hat, sagen das. Noch heute.
Uta Anni Felgner, 58 Jahre alt, geboren in Weißenfels im Bezirk Halle. Man hätte ihr Märchen gern weiter geträumt; das von der ehemaligen DDR-Kosmetikerin, die im Westen Karriere machte. Erst als Chefin eines Autohauses, später als Direktorin von 5-Sterne-Hotels in Hamburg und Berlin. Uta Felgner oder auch „Klinsis Schlossherrin“, die 2006 die Fußball-Nationalmannschaft im edlen „Schlosshotel im Grunewald“ beherbergte, und sich auf öffentlichem Parkett gern mit Menschen wie dem Dalai Lama oder den Klitschkos zeigte.
In dieser Woche nahm das, was für viele wie ein Märchen aussah, ein Ende: Wie die „Berliner Morgenpost“ aufdeckte, hat Uta Felgner sechs Jahre für die Stasi spioniert. Von 1981 bis 87 wurde sie als „IM Schmidt“ beim Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in der DDR geführt. Als eine Art Lebedame hatte ihre Abteilung sie auf reiche Westler aus dem „nichtsozialistischen Ausland“ (NSA) angesetzt. Unter ihren Kontakten: Sänger, Kaufleute, Reeder, darunter viele Deutsche und Holländer. Ein Job, um den sich Uta Felgner selbst beworben hatte. „Aus materiellen Gründen“, wie es in den Akten der Birthler-Behörde lautet.
Lüge, Sex und Luxus – die jetzt veröffentlichten Unterlagen sind die traurige Wende im Leben der Uta Felgner. Nun kommt doch alles raus, nach so langer Zeit. Was bleibt, ist die Frage, wie es diese Frau immer wieder geschafft hat, ganz oben zu schwimmen. Erst im Osten, dann im Westen. Und: Wie fühlt es sich an, so viele Leben zu führen – wahre und auch falsche.
Schauen wir zurück, wie alles begann. Es ist Weißenfels an der Saale, wo Uta Felgner zur Welt kam. Ein kleiner Ort, wo die Menschen ihr Geld in der größten Schuhfabrik des Landes verdienten. Zu Hause mit elf Geschwistern, die Eltern Arbeiter. Ein Mädchen wie Uta fällt auf in so einer Gegend. Das Haar besonders blond, das Lächeln unbeschwert. Männer mögen das. Auch Uta, die eine Ausbildung zur Krankenschwester macht, muss das irgendwann gespürt haben; die Blicke, die kleinen Gefälligkeiten, die Männer gern springen lassen, wenn es gut läuft. Blumen, Geschenke, am besten aus dem Westen.
Für eine wie Uta wird es irgendwann zu eng in Weißenfels, sie zieht nach Ost-Berlin, ist gerade 23 Jahre alt. Sie hält sich mit Jobs über Wasser: Serviererin, Verkäuferin, macht ihr Diplom zur Kosmetikerin. Sie weiß, dass sie hübsch ist. Gepflegt, gut gelaunt. In Devisenhotels wie dem Metropol oder dem Palasthotel lernt sie West-Männern kennen. Eine Freundin: „Wir hatten ein interessantes Leben, konnten dem Alltag entfliehen.“
Irgendwann lernt Uta Felgner Günther Asbeck kennen. Einen Zweieinhalb-Zentner-Mann, verheiratet, Chef der Firma Asimex, der die Bonzen der SED mit Westwaren belieferte. Uta wurde seine Geliebte. „Asbeck“, so wird sie in den Akten der Stasi-Unterlagen-Behörde zitiert, „Asbeck stellte mir ein Leben voller Flimmer und Glanz in Aussicht, ohne finanzielle Schwierigkeiten, bedachte mich mit Dingen, die damals unerreichbar schienen.“
Aber irgendwann muss Uta Felgner gespürt haben, dass ihr Wissen, das sie an der Seite dieses einflussreichen Mannes ansammelt hatte, einen hohen Wert hat. Am 1. August 1980 meldete sich die damals 29-Jährige als sogenannter „Selbstbewerber“ beim Ministerium für Staatssicherheit. Direkt an der Pforte soll sie ihre Informationen angeboten haben. Der Geheimdienst wartete zunächst ab, führte erst im Oktober 1980 das erste Kontaktgespräch. Immerhin brachte die Felgner den nötigen Antrieb für die Spitzel-Aufgabe mit: „ein Hang zum luxuriösen Leben nach westlichem Vorbild.“
Männer zu betören und wichtige Kontakte zu knüpfen, fiel der Blondine nicht schwer. „Sie war eine ganz erstaunliche Erscheinung“, sagt Hans Sch., einer ihrer Ex-Geliebten. „Die hätte einem Eskimo Kühlschränke angedreht, so selbstbewusst war die . . .“. Ihre Wohnung sei voller Dinge aus dem Westen gewesen. „Selbst, wenn ich einen Whiskey gewollt hätte, wäre der aus dem Westen gewesen.“
Geschäftsleute aus dem Westen als auch SED-Funktionäre vertrauten Uta Felgner brisante Informationen an. Und auch die Stasi urteilte zufrieden: „Stets gepflegt und sehr modern gekleidet, verfehlte ihr attraktives Äußeres dabei seine Wirkung nicht.“ Die Dienste ihrer Mitarbeiterin ließ sich der Geheimdienst richtig was kosten, zum Beispiel mit „10 000 Mark vom MfS zum Kauf eines Autos“, wie Felgner handschriftlich notierte.
Im Herbst 1981 setzte sich ihr Förderer Asbeck in den Westen ab, verriet all sein Wissen über die DDR-Oberen an den Bundesnachrichtendienst. Zuvor hatte er über die Schweiz 25 Millionen Mark auf die Seite gebracht. Uta Felgner hat von der Flucht offenbar gewusst. Nur wenige Wochen danach soll sie ihren Ex-Geliebten an die Stasi verraten haben. Soll über den Schmuck geplaudert haben, den er sich heimlich aus Goldbarren machen ließ, über sein Gästehaus in Dierhagen, in dem die Funktionäre ihre Partys feierten.
Dass Asbeck ihr vor der Flucht den Lada übertrug, den sie schon fuhr, und von seiner kleinen, zärtlichen Abschiedskarte für sie erfuhr die Stasi auch. „Viel Glück“, schrieb Günter Asbeck, „G. A.“. Am Tage von Asbecks Flucht heiratete Uta Felgner zum vierten Mal. Einen hohen Offizier, der ebenfalls für die Stasi arbeitete. Uta Felgner wusste es nicht, war empört, als sie es herausfand.
Ihren dritten Ehemann hatte sie zuvor verlassen. Gundolf Gast zu BILD am SONNTAG: „Sie hatte Affären, sie hat die Scheidung eingereicht, ich habe das Haus verloren, nicht mehr um sie gekämpft. Sie war einfach zu gleichgültig zu mir. Sie wollte Luxus, Luxus war ihr Leben.“
So kam es, dass auch Ost-Berlin irgendwann zu klein wurde für Uta, das ehemalige Mädchen aus der Provinz. Der Westen, das war es! Uta Felgner schien die Kraft zu kennen, die in ihr schlummerte für dieses eine große Ziel – und sie ahnte wohl auch, dass es wieder die Männer sein würden, die ihr dabei helfen könnten. Offiziell arbeitet sie nun als Verkäuferin in einem Intershop, bildete sich aber als Kosmetikerin weiter: „Durch meine Ausbildung als Krankenschwester war ich im Massieren nicht ganz unerfahren und habe mich sehr schnell eingearbeitet“, ist in den Stasi-Akten zu lesen.
Für ihre Flucht in den Westen hatte sie sich auch schon jemanden ausgeguckt: Hans Sch., einen Westberliner Geschäftsmann. „Ich war auf dem Weg nach Leipzig zur Herbstmesse mit meinem BMW, da fuhr sie plötzlich neben mir. Sie winkte mir, ich solle rausfahren, mit ihr einen Kaffee trinken“, sagt Hans Sch. „Sie trug Pumps, hatte einen West-Wagen mit ostdeutschem Nummernschild . . .“ Man kam sich schnell näher, wollte sogar heiraten. Uta Felgner bot ihrem Führungsoffizier an, ganz offiziell in die Bundesrepublik überzusiedeln und dort als Doppelagentin tätig zu werden. Das MfS lehnte ab. Daraufhin wollte Felgner selbst in den Westen fliehen, doch der Plan flog auf. Am 18. Juni 1987 verurteilte sie das Ostberliner Militärgericht zu einer Haftstrafe von 3 Jahren und sechs Monaten. Auch Hans Sch. landete als Fluchthelfer im Knast, in seinem Kofferraum fand die Stasi geheime Informationen von Uta Felgner, außerdem 13 500 Ost-Mark aus ihrem Besitz. Dass seine Geliebte bei der Stasi war, wurde ihm erst Mitte der 90er klar: Eine Mitarbeiterin der Stasi-Unterlagenbehörde, die er aufgesucht hatte, erkannte ihn auf einem Stasi-Lehrfilm wieder. In dem Film werden er und Uta Felgner (unter dem Namen Eva) als Staatsfeinde vorgeführt. Zwei Monate Einzelhaft musste Hans Sch. im Knast durchstehen, am Anfang acht Stunden Verhöre am Tag. Er war krank geschrieben, ein halbes Jahr. Ein Wrack.
Welchen Schaden Uta F. angerichtet hat, hat bisher kaum jemand gewusst. Als sie wieder aus dem Gefängnis kam, nahm sie einen neuen Nachnamen an. Uta Thiele. Als Uta Thiele machte sie zunächst in West-Berlin Karriere in einem Autohaus, erst als Verkäuferin, später als Chefin. Sie heiratete den Kaufmann Felgner. Wieder eine gute Partie. Sie tauchte auf Tennisplätzen auf, beim Golfen (Handycap 54). Sie habe ein Abitur aus dem Osten, hieß es. Sie habe studiert, hieß es. – Stimmt das wirklich? Die Freie Universität kann dafür keine Belege finden. Sie kochte, lud zum Essen ein. Sie war Hotel-Chefin, das war sie auf Empfehlung, aus besten Kreisen. Sie gehörte dazu, jeden Tag ein Stück mehr.
Sie brachte als Hotel-Direktorin den Sex-Skandal bei VW ins Rollen, als sie sich über das unflätige Benehmen eines VW-Managers bei seinem Arbeitgeber beschwerte. Sie war die Uta, die Felgner. Die Uta mit den vielen Nachnamen. Uta, fünfmal verheiratet.
„Der Wahrheitsgehalt der Angaben kann nicht eingeschätzt werden. Außerdem neigt sie dazu, tatsächliche Ereignisse auszuschmücken und betrachtet anscheinend die Ausschmückung selbst als tatsächlich geschehen.“
So heißt es in einer Stasi-Notiz. Uta Felgner will sich auf BamS-Anfrage zu ihrer Geschichte nicht äußern.
„Ich liebe sie“, sagt Oswald St., der Mann, mit dem sie heute in der Schweiz lebt. Er machte sie zur Geschäftsführerin seiner Firma. Zu ihrem Vorleben sagte er: „Sie war jung.“
Hintergrund:
Der diskrete Charme der Chefin vom noblen Schlosshotel im Grunewald überzeugte alle.
Aga Khan, Woody Allen, Henry Kissinger – und schließlich ihr Coup: Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann war so beeindruckt von der damaligen Direktorin Uta Felgner (heute 58), dass er sie zur Herbergs- mutter der deutschen Nationalmannschaft während der Fußball-WM 2006 machte.
Als die attraktive Blondine drei Jahre vorher das Top-Hotel übernahm, wurde sie noch belächelt. Denn einschlägige Erfahrungen hatte die nach eigenen Angaben studierte Betriebswirtin damals keine. Wenigstens nicht in dieser Branche...
Die nach der Wende so verschwiegene Hotel-Chefin hatte sich zu DDR-Zeiten eher in der Abteilung „Horch & Guck“ einen Namen gemacht. Die „Berliner Morgenpost“ enthüllte gestern: Felgner, gelernte Krankenschwester, war Top-Agentin der Stasi.
Als IM „Schmidt“ soll sie sich mit „frauenspezifischen Methoden“ Detail-Wissen sowohl über einflussreiche westdeutsche Geschäftsleute als auch hohe SED-Funktionäre verschafft haben.
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3000 Seiten ist die Felgner-Akte in der Birthler-Behörde dick. Darin steht etwa, dass sie sich „am 1. 8. 1980 in der Anmeldung des MfS als Selbstbewerber“ angeboten und im April 1981 schließlich verpflichtet haben soll.
In den Dokumenten finden sich pikante Einzelheiten. In einem Schulungsfilm der Stasi wird etwa die Arbeit von Lockvögeln gezeigt. Eingeblendet ist ein Foto von Uta Felgner. Text-Auszug: „Ihr Verhalten und Entgegenkommen wurde von ihren Intimpartnern oft recht großzügig honoriert.“
Auch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) war mit seinem blonden Spitzel zufrieden. Rund 10 000 Mark zahlte die Stasi Felgner z. B. mal für ein Auto. In der Bewertung steht: „Durch IM ‚Schmidt‘ wurden zahlreiche operativ wertvolle Informationen erarbeitet.“ Stasi-Männer sollen sie sogar die „Mata Hari des Ostens“ genannt haben.
Doch 1986 geriet die Agentin selbst ins Fadenkreuz des Geheimdienstes. Felgner schlug dem MfS vor, als Doppel-Spionin in der Bundesrepublik zu arbeiten. Abgelehnt. Ein Fluchtplan flog auf. Das Militärgericht verurteilte sie zu 3,5 Jahren Haft.
Bereits im November 1987 kam sie vorzeitig frei – und soll in einer handschriftlichen Erklärung Diskretion über ihre Zusammenarbeit mit der Stasi versprochen haben...
Felgner, die 2007 vom Berliner Schlosshotel ins Hamburger Grand Elysée wechselte, lebt heute in der Schweiz, ist Geschäftsführerin einer Firma, die Hotels berät.
und seit neuestem Direktorin eines Nobelhotels in Nordhessen.
DER LEBENSLAUF DER BLONDINE GENAUSO GEFÄLSCHT WIE DER VON "GoMoPa"-"CEO"-"KLAUS MAURISCHAT"
QUELLE: BILD /MORGENPOST/EIEGEN RECHERCHE